Bedürfnisse und Habgier

 

Franz Alt

 

George W. Bush leitete früher eine Ölfirma. George Bush senior ist noch heute im Dienst der US-Energiewirtschaft - das Gleiche gilt für Vizepräsident Cheney, Bushs Sicherheitsberaterin Condolezza Rice und ebenso für alle wichtigen Minister an Bushs Kabinettstisch. In den USA hat die Energiewirtschaft durch Wahlkampfspenden für Bush die Präsidentenwahl entschieden und zugleich den Staat übernommen. Zu Recht sagt der US-Bestsellerautor und Zukunftsforscher Jeremy Rifkin: "Präsident Bush ist ein Mann des Öls und sonst gar nichts."
Wahltag ist Zahltag. In wenigen Jahren finden die US-Amerikaner auf eigenem Territorium keinen Tropfen Öl und keinen Kubikmeter Gas mehr. Wenn sie ihre alten Abhängigkeiten von Gas, Öl, Kohle und Uran nicht überwinden, sind sie geradezu gezwungen, Kriege um die letzten Ressourcen zu führen. Wer diese Zusammenhänge nicht sieht, versteht das aktuelle Säbelrasseln Bushs gegenüber dem Irak so wenig wie den Golfkrieg 1991. Auch vor elf Jahren führten die USA einen Krieg um Öl. Die nächsten Ressourcenkriege werden jetzt vorbereitet. Der US-Präsident hat einen zehnjährigen Krieg gegen den Terrorismus angekündigt.
Der Irak verfügt über die zweitgrößten Ölreserven der Welt nach Saudi-Arabien. Die Energiewirtschaft zielt aber langfristig auf die Gas- und Ölreserven in Zentralasien - in Kirgisien, Kasachstan, Usbekistan und Aserbaidschan. Hier haben sich die USA im Verlauf ihres Afghanistan-Krieges bereits militärisch festgekrallt - so wie nach dem Golfkrieg in Saudi-Arabien. Afghanistan und Pakistan werden gebraucht für Pipelines zum Indischen Ozean. Diese werden - so hat es Washington mit Afghanistans Präsident Karsai bereits vereinbart - ab 2004 gebaut.
Auch Präsident Karsai war übrigens vor drei Jahren noch im Dienst und Sold der US-Energiewirtschaft. Der angebliche Krieg gegen den Terrorismus ist in Wahrheit ein Krieg um Öl und Gas. Präsident Bush meinte schon im Frühjahr 2002: "Auf Bin Laden kommt es eigentlich gar nicht an." Da hat er wohl die Wahrheit gesagt. Aber worauf kommt es sonst an, wenn nicht auf die letzten großen, noch nicht erschlossenen Öl- und Gasreserven? Beim Weltenergierat ist zu erfahren, wie begrenzt die alten Energieträger sind: das Erdöl reicht noch 40 Jahre, das Erdgas noch 46 Jahre, Uran zum Betreiben von AKWs noch 60 Jahre und Kohle noch etwa 100 bis 120 Jahre.
Und dann? Wir verbrennen heute an einem Tag so viel fossile Energien wie die Natur in 500000 Tagen geschaffen hat. Wir benehmen uns wie Pyromanen. Die Folge ist ein Weltkrieg gegen die Natur durch den Treibhauseffekt und nun schließlich auch noch Kriege um Gas und Öl. Das ist eine gefährliche Mischung. Die Ressourcenkriege des 21. Jahrhunderts können zum größten Gemetzel der Menschheitsgeschichte ausarten. Wir leben schließlich im Atomzeitalter.
An den zentralasiatischen Ressourcen sind natürlich auch Russland und China, Indien und Pakistan interessiert. Sie alle besitzen Atombomben und werden kaum tatenlos zusehen, wie sich die Nato-Staaten den letzten Tropfen Öl und den letzten Kubikmeter Gas unter dem Vorwand der Terrorismus-Bekämpfung militärisch sichern. George W. Bush und sein Botschafter in Europa, Tony Blair, spielen derzeit mit der Lunte des atomaren Pulverfasses.
Über 100000 Tote waren die Folge des letzten Irak-Krieges. So viele Tote haben die US-Militärs zynischerweise auch jetzt schon eingeplant - ein US-General hat diese Zahl vor ein paar Wochen einem ARD-Kollegen verraten. Die ökonomische Konsequenz wird eine weitere Ölpreis-Krise sein. Dies betrifft wieder einmal die Menschen in den armen Ländern am meisten. Schon die heutige enorme Verschuldung der Dritten Welt beruht zu über 80 Prozent auf hohen Ölpreisen.
Was ist unsere Chance und Alternative? Wir können in den nächsten Jahrzehnten eine 100-prozentige Energieversorgung über umweltfreundliche, preiswerte und "ewig" vorhandene Energiequellen organisieren. Die Sonne schickt uns täglich 15000 mal mehr Energie als zur Zeit alle sechs Milliarden Menschen verbrauchen. Das macht sie noch 4,5 Milliarden Jahre.
Dazu kommt noch Energie aus Wind, Biomasse, Wasserkraft, solarem Wasserstoff, Wellenenergie und Erdwärme. Die Natur stellt uns alles, was wir brauchen, um ein Vielfaches zur Verfügung. Es reicht für Jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für Jedermanns Habgier. Die jetzt alles entscheidende Frage heißt: Kriege um Öl oder Frieden durch die Sonne.
Ich bin ein Konservativer. Wäre ich Sozialist, würde ich sagen: Solarier, aller Länder, vereinigt euch!

Aktuelles Buch des Fernsehmoderator und Autor:

Krieg um Íl oder Frieden durch die Sonne.

Beitrag im Neuen Deutschland vom 21.9.2002
Internetseite von Franz Alt: www.sonnenseite.com

 

 

zur Hauptseite www.umweltdebatte.de