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Vom
Konsumismus zur „Freiwilligen Einfachheit“ (1)
Burkhard
Bierhoff
"Laßt
uns darüber nachdenken, wie wir uns
unabhängig von der Großen Maschine nähren, wärmen,
kleiden, bilden und gesund erhalten können. Beginnen wir daran
zu arbeiten, ehe sie uns vollends durchgesteuert, einbetoniert, vergiftet,
erstickt und eher früher als später atomar totalvernichtet
hat.” (Rudolf Bahro) (2) In meinem Beitrag möchte ich zur Kritik der heute weitverbreiteten
konsumistischen Lebensweise beitragen und dabei wesentliche Gedanken
von Rudolf Bahro aufnehmen. Diese Lebensweise kann aufgrund ihres
ungeheuren Ressourcenverbrauchs und der in ihrem Gefolge zu verzeichnenden
globalen Zerstörung nur temporär sein. In Erkenntnis dieser
Problematik gehen die Bemühungen einer wachsenden Anzahl von
Menschen dahin, den Verbrauch auf ein „vernünftiges“ Maß zurückzuschrauben.
Das für die Zukunft der Menschheit entscheidende Problem, das
in den reichen westlichen Gesellschaften gelöst werden muss,
liegt darin, eine neue verallgemeinerungsfähige Lebensweise
zu entwickeln, die sich rigoros von dem destruktiven Konsumismus
verabschiedet und die Bevölkerung mehrheitlich in ihren Bann
zu ziehen vermag. Diese Lebensweise wird nur auf der Grundlage einer
motivierenden Einsicht der Vielen in die globalen Zusammenhänge
möglich werden.
Bereits in Die Alternative (1977) ging es Bahro „um den Entwurf eines
Programms, für das man Menschen mobilisieren kann, die nicht mehr weitermachen
wollen wie bisher.“(3) Sein Wirken war immer mit einem aufklärerischen
Interesse verbunden. In seinen späteren Schriften hat er seine Position
radikalisiert und angesichts der ökologischen Zerstörung eine gegen
die Megamaschine gerichtete Logik der Rettung (1990) entworfen.
Eine lebensdienliche Wissenschaft kann durch die Initiierung von Aufklärungsprozessen
(im Sinne der von Alexander Mitscherlich so bezeichneten Sachbildung, Affektbildung
und Sozialbildung) das rettende Programm eines einfachen Lebensstils unterstützen.
Die hier anzusprechenden Fragen sind: Was kommt nach dem Konsumismus? Wird
der Homo consumens vom Homo integralis abgelöst werden? - Doch zunächst
soll die prekäre Ausgangslage skizziert werden.
Mit Erich Fromm stimmt Rudolf Bahro unter anderem darin überein, dass
die Menschen in den konsumistischen Gesellschaften eine fremdbestimmte Bedürfnisstruktur
ausgebildet haben und die weitere Entwicklung im Sinne tödlichen Fortschritts
nur noch durch eine radikale Veränderung abzuwenden ist, dass es trotz
aller krisenhaften Zuspitzungen Kräfte der Umkehr gibt und Entwicklungen,
die hoffnungsvoll stimmen.
Ausgangspunkt der Zivilisationskritik von Bahro ist die immer mehr zur Gewissheit
gewordene Vermutung, dass eine Gesellschaft, die ihre Kräfte tauschwertorientiert
vorrangig in die Erzeugung von Reichtümern (Waren, Güter) investiert,
kulturell ihre Zukunftsfähigkeit verspielt. Bahro thematisiert - darin
Erich F. Schumacher vergleichbar (4) - die Ausbeutung der natürlichen
Ressourcen als ungelöstes Problem der industriellen Güterproduktion.
Die Produktion von Waren führt zu einem ungeheuren Anstieg der Naturausbeutung,
da im industriellen Entwicklungsmodell Güter produziert werden, ohne die
Endlichkeit und den Verbrauch der Ressourcen in die Gesamtrechnung einzubeziehen.
Es ist auf einen verschwenderischen Verbrauch ausgerichtet, da dieser das Gegenstück
zur Massenproduktion ist. Dieses industrielle Entwicklungsmodell kann sich
- wenn auch nur temporär - aufrechterhalten, indem es den Menschen das
Konsumieren als unbedingt zu befolgende Notwendigkeit oktroyiert. Entsprechend
müssen die Menschen auf die scheinbare Notwendigkeit eines ungebremsten
Konsums eingestellt werden, was einem gesellschaftlich legitimierten Betrug
am Menschen gleichkommt. Seine Bedürfnisse werden angestachelt, seine
Gier und Unersättlichkeit genährt und gesteigert mithilfe der neuen
Strategien des Erlebnismarketing in der Werbung.
Bahro gebrauchte zwar nicht den Begriff des Konsumismus, analysierte aber entsprechend
den “Teufelskreis der kapitalistischen Wachstumsdynamik“:
" Je mehr produziert wird, desto mehr muß erjagt, besessen und verbraucht
werden, desto mehr psychische Energie wird in abstrakter Arbeit und kompensatorischen
Genüssen gebunden und bleibt den emanzipatorischen Kräften entzogen.
... Das kompensatorische Haben-, Verbrauchen-, Konsumierenwollen und -müssen
erzwingt die Fortsetzung einer Erzeugungsschlacht ...”, deren Grundlage
die „massenhaften kompensatorischen Bedürfnisse“ sind.(5)
Diese Bedürfnisse sind repressiv in die konsumistische Struktur eingebunden,
die als totalitärer Komplex die in die Megamaschine eingebundene Herrschaft
sichert, indem sie die Individuen im scheinbar freiwilligen Massenkonsum zur
Loyalität bewegt. In der Überwindung dieser Subalternität durch
die Umgestaltung der gesamten modernen Produktionsweise sieht Bahro die einzig
mögliche Alternative zu der grenzenlosen Expansion der materiellen Bedürfnisse.(6)
Unter Exterminismus versteht Bahro ein Zivilisationsstadium jenseits der ökologischen
Stabilität, das die Tendenz zeigt, im Ungleichgewicht von Produktiv- und
Destruktivkräften weltweit zunehmend destruktive Wirkungen bis hin zur “Selbstzerstörung” zu
entfalten (vgl. Edward Thompson). Dieser Prozess verläuft unterhalb des
wachen Bewusstseins, denn: “Wir nehmen die verschiedensten exterministischen
Einzeleffekte billigend in Kauf ...” und halten “an einer gewohnten
Praxis fest, die sich als selbstmörderisch herausstellt, ohne so gemeint
zu sein.”(7)
Die Befreiung von unmittelbarer wirtschaftlicher Not und existentieller Unsicherheit
hat nicht zu einer Verfeinerung der Bedürfnisse geführt, sondern
zunehmend kompensatorische Bedürfnisse evoziert. Ihr massenhaftes Auftreten
ist Indikator für die heutige Unfreiheit. Die meisten Menschen verhalten
sich subaltern, indem sie sich “der entfremdenden Autorität unterwerfen
und nach den von ihr ausgesetzten Wohlverhaltensprämien greifen” und
in grenzenloser Gier ihre materiellen Bedürfnisse ausdehnen.(8) Das gilt
nicht nur für personale Unterwerfungsverhältnisse, sondern auch für
die „anonymen Autoritäten“ wie Moden und die öffentliche
Meinung (vgl. Erich Fromm), die die Menschen ohne ausdrücklichen Befehl
zum Gehorsam zwingen.
Die kompensatorischen Interessen und Bedürfnisse zeigen sich in dem Streben
vieler Menschen nach bequemen Ersatzbefriedigungen. Bahro: “Die kompensatorischen
Interessen ... sind die unvermeidliche Reaktion darauf, daß die Gesellschaft
die Entfaltung, Entwicklung und Bestätigung zahlloser Menschen frühzeitig
beschränkt und blockiert. Die entsprechenden Bedürfnisse werden mit
Ersatzbefriedigungen abgespeist. Man muß sich im Besitz und Verbrauch
von möglichst vielen, möglichst (tausch-)wertvollen Dingen und Diensten
dafür schadlos halten, daß man in den eigentlich menschlichen Bedürfnissen
zu kurz gekommen ist.”(9)
Von den kompensatorischen Interessen sind die emanzipatorischen Interessen
streng geschieden: “Die emanzipatorischen Interessen ... richten sich
auf das Wachstum, die Differenzierung und die Selbstverwirklichung der Persönlichkeit
in allen Dimensionen menschlicher Aktivität. Sie verlangen vor allem die
potentiell allumfassende Aneignung der in anderen Individuen, in Gegenständen,
Verhaltensweisen, Beziehungen objektivierten menschlichen Wesenskräfte,
ihre Verwandlung in Subjektivität, in einen Besitz nicht der juristischen
Person, sondern der geistigen und sittlichen Individualität, der seinerseits
nach produktiver Umsetzung drängt.”(10)
Je mehr die Menschen ihre emanzipatorischen Interessen entdecken und kultivieren,
um so mehr nähern sie sich dem an, was Bahro als den integralen Menschen
bezeichnet hat. Bahro bezieht sich “auf die von Jean Gebser in seinem
Werk ‘Ursprung und Gegenwart’ entworfene Idee des Homo integralis”. “Es
ist in neuem Gewand die alte Idee des vollständigen, alle in ihm angelegten
Vermögen realisierenden Menschen.”(11) Damit Menschen sich in diesem
Sinne entwickeln und entfalten können, bedürfen sie nicht nur einer
Vision, sondern auch einer Ordnungsstruktur, die den Ausdruck der höheren
Bewusstseinskräfte fördert.
Viele Gesellschaftskritiker beschreiben die zeitgenössische Lebensweise
als pathogen, was in einem Syndrom verschiedener Haltungen und Verhaltensweisen
zum Ausdruck kommt: geringes Selbstwertgefühl, kompensatorische Aktivitäten,
Konsumismus, Passivität, Geschäftigkeit, chronische Depression, Langeweile,
Habgier, Unüberlegtheit, Rücksichtslosigkeit, Mangel an Bewusstsein,
Hingabe an Idole und Gleichgültigkeit. Auf dieser psychosozialen Grundlage
gedeiht die Warenproduktion mit der kompensatorischen Konsumtion. Auf der Ebene
des Subjekts strukturiert der Konsumismus durch Kult- und Erlebnismarketing
die Erlebniswelten der Menschen bis hin zum Einkaufen als Zeitvertreib. Demgegenüber
ist bei Jean Gebser - von Rudolf Bahro aufgegriffen - die Idee der Transformation
dieser Bewusstseinsverfassung, die als mental-rational bezeichnet wird, hin
zum integralen Bewusstsein zu finden: „anstelle der Hektik tritt die
Stille und das Schweigenkönnen; anstelle des ausschließlichen Zweck
und Zieldenkens tritt die Absichtslosigkeit; anstelle der Machtstrebens tritt
Hingabe und echte Liebesfähigkeit; anstelle des quantitativen Leerlaufs
tritt das qualitativ geistige Geschehen; anstelle der Manipulation tritt das
geduldige Gewährenlassen der fügenden Kräfte“; usw. (12)
Die weltweit vorhandenen Ressourcen erlauben keine Fortsetzung oder Expansion
der industriellen Massenfertigung mit ihrem konsumistischen Lebensstil. Die
einzige Alternative, die eine ökologische Katastrophe verhindern könnte,
liegt in der Wahl einer neuen Lebensweise, die von einer nachhaltigen Produktions-
und Verbraucherorientierung bestimmt ist. Grundlage für diese Kehrtwende
ist der Umbau des Industriesystems. Dieser Umbau erscheint nur möglich
mit Menschen, die sich an den historisch neuen globalen Problemlagen orientieren
und ihre Bedürfnisse und Wünsche, Einsichten, Entscheidungen und
sozialen Bezogenheiten mit ihrer Lebensweise verändern. Ein entsprechendes
Leitkonzept ist mit der “freiwilligen
Einfachheit” (“Voluntary Simplicity”) gegeben.
Von Richard Gregg 1936 formuliert, beschreibt es eine Alternative
zum Leben in der modernen Gesellschaft mit ihrer Massenproduktion
und -konsumtion.(13) Greggs Grundgedanke war, auf der Grundlage
buddhistischer Werthaltungen einen kulturspezifischen Beitrag
zu einem einfachen Leben zu leisten, das weder von einem
asketischen Lebensstil geprägt ist noch auf heteronomer
Triebkontrolle und Unterdrückung gründet. Seit
den 70er Jahren wurde die Idee der “Freiwilligen Einfachheit” weiterentwickelt.
Da mit dem Zurückschrauben des Überkonsums eine
höhere
Lebenszufriedenheit erfahren wird, hat sich in den vergangenen
Jahrzehnten der Kreis dieser Menschen vergrößert.
Auch Bahro plädiert entschieden für einen einfachen Lebensstil: “Nur
bei einem auf Subsistenzwirtschaft gegründeten Lebensstil freiwilliger Einfachheit
und sparsamer Schönheit können wir uns, wenn wir außerdem unsere
Zahl begrenzen, auf der Erde halten.”(14)
Der auf dem Ideal der "Freiwilligen Einfachheit" basierende Lebensstil
bemüht sich um ein niedrigeres Konsumniveau und bevorzugt Werte wie Unabhängigkeit,
Selbstständigkeit und ökologische Verantwortung. Diese “kontraktive
Lebensweise” (Bahro) bedeutet die Abkehr von der Orientierung am Haben.
Der Bedarf an Geld und Waren wird reduziert; gleichzeitig reduzieren sich auch
Hektik und Lebensangst. Zentral sind die Änderungen des Verbraucherverhaltens.
Statusorientierter Geltungskonsum und Einkaufen als Zeitvertreib werden
abgelehnt. Die Konsumhaltung richtet sich auf konkreten Gebrauchswert (anstelle
abstrakten
Tauschwertes).
Der einfache Lebensstil beinhaltet auch eine gesunde, umweltbewusste, regional
ausgerichtete, vielseitige, vegetabile Ernährung mit weitgehendem Verzicht
auf Fleisch und Wurstwaren. Präferiert werden Produkte vom lebenden Tier,
das artgerecht und umweltbewusst gehalten wird. Die vegetarische oder vegane
Ernährung bietet unter anderem den Vorteil, dass die Erzeugung pflanzlicher
im Vergleich zu tierischer Nahrung weniger Energie und kleinere Anbauflächen
erfordert (so könnte z.B. vermieden werden, das für die Tierhaltung
erforderliche Weideland durch die Abholzung von Primärwäldern zu gewinnen).
Hinzu kommt ein sparsamer Gebrauch von Gebrauchsgütern und technischen Geräten
wie Computer und Handy mit verlängerter Nutzungsdauer. Zum diesbezüglichen
Problembewusstsein gehört etwa auch die Einschätzung des Zeitaufwands,
der bei der Nutzung von technischen Geräten erforderlich ist. So ist beispielsweise
bei der Nutzung von Digitalkameras eine verbreitete Erfahrung ein Vielfaches
an aufzuwendender Zeit, wenn digitale Bilder ausgewählt und evt. nachgearbeitet
werden. Während beim Kleinbildfilm die Filmabgabe und Bilderabholung mit
einem minimalen Zeitaufwand verbunden war, erhöht sich die aus technischen
Gründen notwendige Zeitnutzung bei der Digitalkamera um ein Vielfaches.
So zeigt dieses Beispiel, dass wir mit unseren Kaufentscheidungen immer wieder
in das bestehende ökonomische, technologische und bürokratische
System eingebunden werden.
Des weiteren wird versucht, Elektroschrott etwa durch Verlängerung der Nutzungsperioden
(z.B. für Computer) einzuschränken. Spielwaren mit elektronischen Bauteilen
werden abgelehnt, da sie den Müll mit Batterien und chemischen Verbindungen
belasten, ganz abgesehen von dem Schaden, den dieses Spielzeug für die Phantasie
und Kreativität in der kindlichen Entwicklung bedeuten kann.
Hinzu kommt, dass Werbung als ein Manipulationsinstrument zurückgewiesen
wird, da sie künstlich neue Bedürfnisse zu erzeugen sucht. Die Rolle
der Massenmedien wird kritisch hinterfragt, besonders jene des Fernsehens. Als
ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem einfachen Lebensstil wird erachtet,
ohne die Banalität von stundenlangem Fernsehkonsum auszukommen. -
Die Frage, die sich nach diesen (nicht zuletzt auch präskriptiven) Skizzierungen
des einfachen Lebensstils ergibt, ist, ob in den gegenwärtig verbreiteten
Lebensstilen Veränderungen aufzufinden sind, die deutlich und zunehmend
in Richtung ökologischen Problembewusstseins und einer neuen Bescheidenheit
verweisen. Soweit ich sehe, gibt es hier im wesentlichen drei Ansätze, die
diese Entwicklungen aufnehmen. Am bekanntesten sind die Untersuchungen des Marktforschers
und Soziologen Paul H. Ray, der zusammen mit Sherry Ruth Anderson neben den Traditionalisten
und den Modernisten ein weiteres Lebensstilsegment empirisch bestätigt hat,
dessen Angehörige er als Kulturell Kreative bezeichnet. (15) Auch das Akronym „LOHAS“,
das für „Lifestyles of Health and Sustainability“ steht, geht
auf diese Forschungen zurück. Des weiteren ist als Bezeichnung auch der „Lifestyle
of Voluntary Simplicity“ (teils auch im Plural: „Lifestyles“)
zu finden; da es sich hier aber nur um ein sehr kleines Marktsegment handelt,
wird dieser Lebensstil weniger intensiv thematisiert. - In Deutschland gibt es
neuerlich zwei Veröffentlichungen, die Veränderungen im Sozialcharakter
thematisieren, aber auch als Beschreibungen von neuen Lebensstilen rezipiert
werden können. In einer Arbeit zur Modulierung des Sozialcharakters durch
das Fernsehen stellt Peter Winterhoff-Spurk (2005) eine „Vereisung des
Sozialcharakters“ fest, den er im histrionischen Charakter beschreibt.
Rainer Funk hingegen untersucht die Psychodynamik der postmodernen Ich-Orientierung,
die er in einer passiven und einer aktiven Variante des Sozialcharakters beschreibt.(16)
Beide Bücher unterscheiden sich vom Erkenntnisinteresse deutlich von der
Marktforschung, der es ja primär um die Erschließung neuer Absatzmärkte
geht und nicht um die Untersuchung von neuen gesellschaftlichen Teilkulturen,
aus denen Konsumkritik und gegenkonsumistische Lebensstile erwachsen.
Als Typ eines neuen Konsumenten wurde zuerst in den USA, inzwischen auch
in Deutschland, in empirischen Untersuchungen der LOHAS-Typ entdeckt. In
den USA
soll er bereits
ca. 30 % der Verbraucher umfassen. Die LOHAS fungieren als ein Sammelbegriff
für neue Lebensstile, die auf Gesundheit und Nachhaltigkeit bezogen sind.
Zu hinterfragen ist jedoch der einseitige und verzerrende Gebrauch der Leitbegriffe “Gesundheit” und “Nachhaltigkeit”.
Dieser postmoderne Typ des Konsumenten zeigt sich ich-orientiert, unabhängig,
umweltbewusst, gesundheitsorientiert und präferiert Bio-Lebensmittel. Beschreibbar
ist er mit der Trias von „Fitness - Wellness - Selfness“. In diesem
Typ werden einige Tendenzen gebündelt, die im Sinne des zielgruppenorientierten
Marketings als “nachhaltig” bezeichnet werden. Dabei wird jedoch “Nachhaltigkeit” als
Trend kommerzialisiert und als Lebensgefühl vermarktet. Auf der Grundlage
der festgestellten Veränderungen in den Verbrauchermentalitäten lassen
sich mit neuen Marketing-Strategien mittelfristig bis langfristig lukrative Märkte
erschließen. Im Marketing geht es nicht um die Förderung von Nachhaltigkeit,
sondern um die Aufnahme der Nachhaltigkeitsidee aus Gründen der Vermarktung,
um im Trend zu liegen. Und den meisten Verbrauchern geht es ebenso wenig primär
um Nachhaltigkeit, sondern um ein Konsumniveau mit hohem Genuss, Spaß und
Unterhaltung unter Aufrechterhaltung der Gesundheit.
Offenbar passt dieser Konsumententyp gut zu den Vermarktungsinteressen
der Bio-food- und Tourismusbranche. Der Trend zu Reiseangeboten, die im
Sinne
von Out-door-Aktivitäten
Natur konsumieren, aber auch der Trend zur industriellen Produktion von Biofood
macht diesen Konsumententyp populär. Insofern ist zweifelhaft, ob es sich
bei diesem Trend tatsächlich um nachhaltig konsumierende Menschen
handelt.
Die im Marketing neu entdeckten Lebensstile „LOHAS“ sind nicht schon
deshalb alternativ, weil die Anhänger dieses Lebensstils im Bio-Supermarkt
Lebensmittel kaufen, die durch eine ansprechende Verpackung auffallen und Gesundheit
und Nachhaltigkeit versprechen. Gesundheit und Nachhaltigkeit sind als Forderung
in den postmodernen Lebensstil eingegangen und verlieren dabei ihre kritische
Spitze. So zeigt sich der postmoderne Lebensstil als blind für alle inhaltlichen
Zukunftsfragen und ohne humanistisches Gewissen. Die postmoderne Persönlichkeit
kann eben alles sein, auch „ökologisch orientiert“. Dabei erscheint
die ökologische Orientierung im Wissen ausgeprägter als im Handeln. Über
90 % der Menschen sind in Bezug auf die Umwelt besorgt, aber nur weniger
als 5 % kaufen Lebensmittel aus biologischem Anbau.
Bei den LOHAS - und ich schließe hier die Kulturell Kreativen ein - ist
zwar eine gewisse Zunahme nachhaltiger Orientierungen zu finden, doch sind diese
Orientierungen noch nicht aus der Ambiguität in ein entschiedenes Handeln
herausgetreten. Die LOHAS befinden sich bildlich gesprochen noch vor der Weggabelung.
Allenfalls handelt es sich bei den angesprochenen Einstellungen und Verhaltensweisen
um die von Bahro so genannte „systemimmanente Schadensbegrenzung“ (Bahro),
der es lediglich um eine Stabilisierung der gegenwärtigen Ökonomie
geht. Wie die neuere Entwicklung des Biomarktes in Deutschland und die LOHAS
beispielhaft zeigen, wird diese Schadensbegrenzung innerhalb der vorherrschenden Ökonomie
betrieben.
Im Sinne eines sogenannten Megatrends werden die teilweisen kleinen und überschaubaren
Strukturen der ökologischen Landwirtschaft zunehmend großindustriell
vereinnahmt und ausgeweitet. Das ist alles andere als ein Prozess, der mit Nachhaltigkeit
zu tun hat. Ökologie wird hier eindeutig der Ökonomie untergeordnet:
die Strukturen der vorherrschenden Ökonomie verbinden sich mit großindustrieller
Produktion von Bio-Lebensmitteln - teilweise mit Verlagerung der Produktion
ins Ausland.
So bleiben auch die LOHAS - scheinbar an Gesundheit und Nachhaltigkeit
orientiert - Teil der ökologischen Krise, statt in kritischer Selbstreflexion den eigenen
Anteil am Zerstörungsprozess zu erkennen. Der den LOHAS entsprechende Lebensstiltyp
will auf einer unbewussten Ebene - so könnte man mit Bahro sagen - die Zerstörung,
solange er nicht “seine eigenen Interessen, Gewohnheiten, Bequemlichkeit
hintansetzt“. (17)
Der Gegenspieler der LOHAS ist der LOVOS, der dem oben beschriebenen “Lifestyle
of Voluntary Simplicity” entspricht. Er ist nicht postmodern, sondern konsequent
postmaterialistisch orientiert und steht dem Konsumismus ablehnend gegenüber.
Unter Gesichtspunkten des zielgruppenorientierten Marketing ist der LOVOS eine
eher randständige Erscheinung, die vernachlässigt wird; für den
Wandel der Gesellschaft beinhaltet er aber ein zukunftsfähiges Potential
und ist als Entwicklungspfad zum Homo integralis zu werten.
Hinter der freiwilligen Einfachheit steht kein homogener Lebensstil. Der
einfache Lebensstil beinhaltet ein breites Spektrum menschlichen Verhaltens
und lässt
sich als ein experimentelles Konzept für die Menschen verstehen, die sich
zu einem bewussteren Lebensstil hingezogen fühlen und beginnen, ihr alltägliches
Leben auf eine ökologisch tragfähige Weise zu organisieren. Bahro macht
allerdings deutlich, dass halbherzige Lösungen des Sowohl-als-auch nicht
zum Erfolg führen können. Vielmehr setzt ein “rettender gesellschaftlicher
Wandel” eine tiefgreifende Verwandlung des Menschen sowie neue Beziehungsstrukturen
und Institutionen voraus, die eine Abkehr von der Megamaschine beinhalten.(18)
Wir dürfen unsere Frage nicht darauf beschränken, “was innerhalb
der gewohnten Verfassung des Bewußtseins und der Institutionen das Beste
und Machbarste wäre”, sondern müssen eine entschiedene und radikale ökologische
Rettungspolitik betreiben.(19) Auch darf die strukturelle Ebene nicht vernachlässigt
werden, auf der es um das geht, was Bahro als "Harmonisierung der wirtschaftlichen
Tätigkeit" bezeichnet: “Verlagerung der Prioritäten von
der Ausbeutung der Natur durch die Produktion auf deren Einordnung in den natürlichen
Zyklus, von der erweiterten auf die einfache Reproduktion, von der Steigerung
der Arbeitsproduktivität auf die Pflege der Arbeitsbedingungen und der Arbeitskultur”;
des weiteren um die “Entwicklung einer natur- und menschengemäßen
Technik und Technologie, die Wiederherstellung der Proportionalität zwischen
großer (industrieller) und kleiner (handwerklicher) Produktion”.(20)
Die konsumistische Lebensweise bringt die Subjekte in eine prekäre Situation.
Immer mehr Menschen sind von den normopathologischen Auswirkungen eines problematischen
kompensatorischen Konsums bis hin zur Kaufsucht betroffen. Der für die heutigen
Lebensstile typische Konsumismus gilt als eine Grundlage für allgemeine
Suchtanfälligkeit wie für die Entstehung nichtstoffgebundener Süchte.
Die betroffenen Menschen fragen zwar angesichts zunehmender Verschuldung und
Konsumsucht soziale Hilfen nach, doch können diese Hilfen durchgreifend
nicht von außen, von Pädagogen und Sozialarbeitern, erbracht werden,
sondern bedürfen neuer Organisationsformen des Sozialen und einer im Gemeinwesen
verankerten Verantwortlichkeit und Abstützung des Einzelnen.
Die mit dem Konsumismus verbundenen Erwartungen und Haltungen zu hinterfragen,
ist ein wichtiger Ausgangspunkt für die Entwicklung reflexiver Sozialformen
im Gemeinwesen. Eine integrative Theorie, die diese Momente erfasst, kann sich
sozialcharakterologischer Grundlagen von Erich Fromm bedienen, aber auch in Aufnahme
des Kommunegedanken Rudolf Bahros auf eine Stärkung der Kompetenzen
des einzelnen im Zusammenhang mit einem nachhaltigen, verantwortlichen
Lebensstil im sozialen Raum beziehen.
(1) Dieses (unredigierte) Manuskript entstammt
den Vorarbeiten zu einem Vortrag aus Anlass des 70. Geburtstages
von Rudolf Bahro im Rahmen
eines Symposiums an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist nicht mit
der Vortragsfassung identisch. Der Vortrag wurde am 19. November 2005 zu dem
Thema: „Vom Homo consumens zum Homo integralis“ gehalten.
(2) in: Rudolf Bahro, Logik der Rettung, Berlin 1990, S. 17.
(3) Rudolf Bahro, Selbstinterview, in: Rudolf Bahro, Eine Dokumentation, Köln/Frankfurt/M.
1977, S. 73.
(4) Ernst F. Schumacher, Small is Beautiful, 3. Aufl., Bad Dürkheim 2001.
- Das Problem geht im wesentlichen „auf unsere Unfähigkeit zurück
zu erkennen, daß das moderne Industriesystem mit all seiner intellektuellen
Verfeinerung die Basis aufbraucht, auf der es errichtet wurde“ (S. 17).
(5) Rudolf Bahro, Eine Dokumentation, Köln/Frankfurt/M. 1977, S. 40f.
(6) vgl. Rudolf Bahro, Die Alternative, Köln 1977, S. 321, 324.
(7) Rudolf Bahro, Logik der Rettung, Berlin 1990, S. 110, 111, 112.
(8) vgl. Rudolf Bahro, Die Alternative, Köln 1977, S. 321, 324, 340, 374f.
(9) Rudolf Bahro, Die Alternative, Köln 1977, S. 322.
(10) Rudolf Bahro, Die Alternative, Köln 1977, S. 322.
(11) Rudolf Bahro, Die Idee des Homo integralis, 1997, S. 26.
(12) Jean Gebser, Gesamtausgabe, Bd.V/II: Vorlesungen und Reden zu Ursprung und
Gegenwart, Schaffhausen 1999, S. 62.
(13) Richard B. Gregg, The Value of Voluntary Simplicity (1936), Wallingford,
Pennsylvania (Pendle Hill Publications), Republished electronically: 2004,
p. 4: “Voluntary simplicity involves both inner and outer condition.
It means single- ness of purpose, sincerity and honesty within, as well as
avoidance of
exterior clutter, of many possessions irrelevant to the chief purpose of life.
It means an ordering and guiding of our energy and our desires, a partial restraint
in some directions in order to secure greater abundance of life in other directions.
It involves a deliberate organization of life for a purpose.”
(14) Rudolf Bahro, Logik der Rettung, Berlin 1990, S. 320.
(15) Ray, Paul H.; Ruth, Anderson, 2000: The Cultural Creatives. How 50 Million
People Are Changing the World, New York (Harmony Books); Ray, Paul H., 2001:
Die Evolution der integralen Kultur, in: Integrale Perspektiven. Ansätze
für eine HumanSozialÖkologische Theorie. Internationales Symposium
aus Anlass des 25. Jahrestages des Erscheinens von Rudolf Bahros Buch "Die
Alternative", 21.-23. Juni 2002, Humboldt Universität zu Berlin (Rudolf-Bahro-Archiv)
2003, S. 19-24; Ray, Paul H., 2004: Authentisch, spirituell, kritisch: Vorreiter
einer neuen Kultur? Ein Gespräch mit Paul H. Ray, in: Psychologie heute,
Heft 3/2004, S. 32-37; ders., 2004a: Interview with Paul Ray, by Tim Miejan,
in: Edge Life, Nov. 2004 (Internet: http://www.edgenews.com/issues/2004/11/ray.html);
ders., 2004b: Society must be sustainable, with focus on planetary needs. Last
of a two-part interview with Paul H. Ray, by Tim Miejan, in: Edge Life, Dec.
2004 (Internet: http://www.edgenews.com/issues/2004/12/ray.html).
(16) Siehe die von mir verfassten Rezensionen zu den Büchern von Peter
Winterhoff-Spurk und Rainer Funk (Internet: http://www.socialnet.de/rezensionen/2382.php;
http://www.socialnet.de/rezensionen/2295.php).
(17) Rudolf Bahro, Logik der Rettung, Berlin 1990, S. 405.
(18) vgl. Logik der Rettung, Berlin 1990, S. 209, 212.
(19) vgl. ebd. S. 315.
(20) Rudolf Bahro, Eine Dokumentation, Köln/Frankfurt/M. 1977, S. 45.
Copyright © 2005 by Burkhard Bierhoff
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